Der Schlupf eines Wellensittichs
Aus Wellensittich Welt Nr 124 Dezember 2000 (Verlag: B. Keller, Wiefelstede)
Es ist der 18. Tag nach der Ablage der ersten Eier, vorausgesetzt ,die Henne hatte sofort mit der Brut begonnen.
Durch die rasante Entwicklung in den letzten Stunden vor dem Schlupf des Kükens nimmt der Anteil an Kohlendioxid im Blut zu. Dies führt zu Zuckungen der extrem stark ausgebildeten Nackenmuskulatur des Embryos. Hierdurch löst sich der Kopf, der in der Entwicklungsphase unter dem rechten Flügel ruht, aus seiner Position und wird nach vorne gebracht.
Auf dem Schnabel hat sich ein winzig kleiner Eizahn gebildet, der nun durch das ruckartige Zucken auf die Eihaut trifft, die den Embryo während seiner 18tägigen Bebrütung schützend umhüllte. War sie bis hierhin ein lebensnotwendiger Schutz, so muss sie jetzt durchbrochen werden, um den Weg zum Leben freizugeben, denn noch atmet der Embryo nicht.
Es ist der biologische Vorgang der Anhäufung des Kohlendioxids im Blut des Kükens, der wieder und wieder den Kopf mit dem scharfen Eizahn auf dem Schnabel nach oben schnellen lässt. Hierbei wird die Eihaut angeritzt und es kommt zum Einfluss der Luft, die sich in der Luftkammer am stumpfen Ende des Eies befindet. Dies ist der Augenblick, wo der Embryo seinen ersten Atemzug macht und sich zum Küken wandelt. Rasch steigt der Sauerstoffpegel im Blut an, so dass es zu einer normalen Atmung kommt.
In der Entwicklungsphase vom 1. bis zum 18. Tag wurde der heranreifende Embryo vom Eidottersack ernährt, der mit der Nabelschnur des Embryos verbunden ist, die direkt in den Bauch führt. Nur noch wenige Nährstoffreserven befinden sich am 18. Tag im Dottersack, sie reichen jedoch aus, um das Küken noch 48 Stunden nach dem Schlupf zu versorgen. Der Dottersack wird in den Bauch des Kükens eingezogen, während es sich noch in der Eischale befindet.
Doch noch ist das Küken nicht frei. Es hat zwar die Eihaut aufgeritzt, was ihm zum ersten Atemzug verholfen hat, doch steckt es noch in der geschlossenen Eischale. Nur dann, wenn das Küken mit dem Kopf an der stumpfen Eiseite liegt - was der Normalfall ist - hat es überhaupt eine Überlebenschance.
Die ersten Augenblicke im Leben des Kükens sind auch die schwierigsten, denn jetzt heißt es den Durchbruch durch die Eischale zu schaffen. Der Urinstinkt sagt dem Küken, dass es sich am stumpfen Eiende in einer kreisrunden Bahn bewegen und dabei mit dem Eizahn die Schale von innen anritzen muss. Durch diesen Kraftakt ist der Sauerstoff schnell verbraucht, bevor der Durchbruch geschaffen ist. Doch auch jetzt hilft sich die Natur. Erneut kommt es durch den Anstieg an Kohlendioxid zu den zuckenden Bewegungen des kräftigen Nackens des Kükens. Automatisch schnellt dabei der Schnabel mit dem Eizahn gegen die Eischale und ritzt sie weiter auf.
Der Mutter bleiben diese Aktivitäten nicht verborgen. Während der Schlupfphase gibt der junge Vogel bereits seine ersten noch leisen zaghaften Töne von sich. Diese Geräusch sowie die Tätigkeiten im Ei veranlassen die Henne dem schlüpfenden Küken behilflich zu sein. Hat sich erst einmal ein kleines Loch in der Eischale gebildet, beginnt sie von außen das Ei vorsichtig zu öffnen.
Durch das Anritzen tritt jetzt vermehrt Außenluft in das Eiinnere, so dass das Küken zur normalen Atmung übergeht. Ist erst mal die Eischale Kreisförmig angeritzt, gibt es für ein normal entwickeltes Küken kein halten mehr. Mit aller Macht stemmt es sich mit seinen Füßen gegen die Eiwand und sprengt den Deckel auf. Es ist frei und "geschlüpft" , wie wir zu sagen pflegen.
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